Zwischen Krieg und Terror

Der Zusammenprall von Islam und westlicher Politik im Mittleren Osten – Die Hintergründe des islamisch-westlichen Konflikts – Themenschwerpunkte: Iran – Irak – Afghanistan

Weder Militärs noch Diplomaten haben die Krisen im Mittleren Osten noch unter Kontrolle. Nur jenseits militärischer Aktionen und Angriffsdrohungen gibt es einen Weg, gemeinsam eine friedliche Entwicklung ohne Gewalt zu fördern.

Ulrich Tilgner, Journalist vor Ort, über eine Region zwischen Krieg und Frieden.

Der uralte Kampf zwischen Morgenland und Abendland droht wieder aufzubrechen – mit gefährlichen Konsequenzen für den Weltfrieden. Mit ihrem Krieg gegen den Terror haben insbesondere die USA jene Geister gerufen, die sie eigentlich schwächen und vernichten wollten. Diese These vertritt der Journalist Ulrich Tilgner, der seit über 25 Jahren aus der Region berichtet und tiefe Einblicke in die sensibelsten Bereiche orientalischer Politik hat. Ob er die Auseinandersetzungen um das iranische Atomprogramm beleuchtet, das Wiedererstarken der Taliban in Afghanistan beschreibt oder den drohenden Bürgerkrieg im Irak, überall, wo die USA den Konflikt eskalieren lassen, beschleunigen sie die Radikalisierung und Re-Islamisierung der Gesellschaft.

Viele Gläubige im Mittleren Osten sehen in der amerikanischen Konfliktstrategie einen Versuch, den Islam insgesamt zu schwächen. Damit spielt jede Form der Eskalation den radikalen Kräften in die Hände, die im aufbrechenden Kulturkampf den Islam um jeden Preis vor westlichen Wertvorstellungen schützen wollen. Dialogbereite Kräfte verlieren an Bedeutung. Die Gefahr, dass sich mit jeder militärischen Aktion der Terrorismus ausbreitet, da er idealen Nährboden findet, kann, so Tilgner, nicht hoch genug eingeschätzt werden. Deshalb plädiert er für den Dialog zwischen den Kulturen, um die Probleme eines komplexen Modernisierungsprozesses im Mittleren Osten zu bewältigen, ohne uralte Abwehrmechanismen neu auszulösen.

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Leseprobe

Im Mittleren Osten steht das Politbarometer auf Sturm. Versuche, Krisen beizulegen, verkehren sich in ihr Gegenteil. Bis heute sind Diplomaten und Militärs gescheitert, das Ausufern der Gewalt einzudämmen. Der Konflikt um Irans Atomprogramm eskaliert, in Teilen Iraks herrscht Burgerkrieg, und in Afghanistan gewinnen die Taliban erneut an Boden. Auch im Nahen Osten zeigen der Libanonkrieg und die Kämpfe im Gazastreifen, dass die Gewalt immer wieder ausbricht, solange die Ursachen der Konflikte ungelöst bleiben.

Scheitern prägt die westliche Politik im Orient. In immer neuen Formen tritt der Terrorismus auf. Militante Organisationen in der arabischen und islamischen Welt sehen im Terror die wirkungsvollste Kampfform in der Auseinandersetzung mit dem Abendland. In den Staaten des Westens verüben Einwanderer oder gar deren dort geborene Kinder Anschläge, ohne dass sie dabei aus dem Orient angeleitet werden. Der Preis, den die Welt bei dieser Eskalation der Gewalt zahlen muss, lässt sich noch nicht abschätzen.

Mich irritiert die Leichtfertigkeit, die viele Politiker in Europa und den USA veranlasst zu glauben, Menschen im Orient wünschten sich nichts sehnlicher, als an der westlichen Zivilisation teilzuhaben. Dabei zeigt sich immer deutlicher, dass weite Teile der islamischen Welt Lebensweisen ablehnen, wie sie sich in den westlichen Industriegesellschaften ausgeprägt haben. Oft bildet Angst vor Überfremdung das entscheidende Motiv für die Gewaltausbrüche: sei es, dass sich Händler in Bazaren vor der Ausbreitung der Filialen von Supermarktketten fürchten, dass Stammesführer um ihre Vormachtstellung in seit Jahrhunderten von ihnen kontrollierten Gesellschaften bangen, dass sich Mütter um die Moral ihrer Töchter sorgen oder dass Geistliche gleich den Glauben insgesamt gefährdet sehen. Aus unterschiedlichen Motiven speist sich eine zunehmende Ablehnung der abendländischen Kultur, die nur zu leicht in Aggressionen gegen alles Fremde umschlägt. Dem Westen wird unterstellt, Begriffe wie »Frieden« und »Demokratie« zu missbrauchen, um die Region in wirtschaftliche und politische Abhängigkeit zu bringen.

In solch einer Atmosphäre können bereits kleine Fehler von Politikern, ungeschicktes Verhalten von Diplomaten oder falsches Auftreten von Soldaten Gräben vertiefen oder gar Brücken einreißen, die zwischen Orient und Okzident existieren und eigentlich genutzt werden müssten, um gemeinsame Interessen zu stärken und kulturelle Gegensätze zu überwinden. Den Akteuren vor Ort fehlt sehr häufig die Kraft, ihre Differenzen friedlich aus der Welt zu schaffen.

Im israelisch-arabischen Konflikt bricht die Gewalt periodisch immer wieder aus. Terror auf der einen Seite und staatliche Vergeltung auf der anderen (so die israelische Sicht) oder (vom Standpunkt der Araber aus) Besatzung durch eine fremde Macht und Terror als wirkungsvollste Form des Widerstands dagegen bilden eine Spirale der Gewalt. Keine der beiden Seiten ist in der Lage, diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Die Unfähigkeit, den Konflikt um das iranische Atomprogramm bereits in seinen Anfängen zu entschärfen, das bisherige Scheitern beim Aufbau einer Zivilgesellschaft im Irak wie in Afghanistan und die Hilflosigkeit gegenüber dem Terrorismus haben ähnliche Ursachen. Kulturen und Traditionen des Morgenlandes werden ignoriert und bei der Lösung von Problemen nicht berücksichtigt.

Wie sonst können Politikern Begriffe wie »Kreuzzug« (Rede des US-Präsidenten George W. Bush, 19.09.2001) in der Auseinandersetzung mit dem Orient über die Lippen kommen? US-Präsident George W. Bush macht es sich zu leicht, wenn er meint, in gewissen Teilen der Welt werde er falsch interpretiert. Denn nur zu oft handelt es sich um mehr als Missverständnisse oder Naivität. Wenn in den Demokratien des Westens nicht einmal mehr vorstellbar ist, dass dort Zivilisten von Soldaten auf das Fürchterlichste gefoltert, erniedrigt oder sogar ermordet werden, warum nimmt man es dann ohne größere Anzeichen von Empörung hin, dass Soldaten westlicher Staaten solche Verbrechen im Orient begehen? Mit Doppelmoral allein lässt sich dieses unterschiedliche Verhalten nicht erklären. Arroganz und Überlegenheitsgefühl führen zur Verharmlosung, wenn es um die Bewertung verbrecherischer Aktionen in der Fremde geht. Dann darf es nicht verwundern, wenn sich die Kluft zwischen Morgen- und Abendland vergrößert. Mit dem Einsatz moderner Militärtechnik lassen sich solche Diskrepanzen nicht beseitigen. Das Heer Alexanders des Großen und die römischen Legionen mussten dies genauso erfahren wie die Kreuzritter und die britischen Kolonialtruppen.

Mit ihrem »Krieg gegen den Terror« haben die USA Kräfte gestärkt, die sie eigentlich aus dieser Welt verbannen wollten. Im Irak hat sich dies besonders deutlich gezeigt. Es sind keineswegs nur terroristische Zirkel, die sich von der Weltmacht angegriffen fühlen. Viele Gläubige in der Region argwöhnen, das eigentliche Ziel des Westens sei die Schwächung des Islam. So fallt es Osama bin Laden nicht sonderlich schwer, sich als gemäßigt und als Verteidiger der Religion gegen eine äußere Bedrohung zu gerieren. In großen Teilen der islamischen Welt wird ihm mittlerweile stille, wenn nicht gar unverhohlene Sympathie oder Bewunderung zuteil. Die USA haben sich mit ihrer Verlegung auf militärische Mittel im Kampf gegen den Terrorismus in eine Sackgasse manövriert und somit für eine Eskalation der ohnehin bereits brisanten Situation gesorgt. Das Scheitern westlicher Politik spielt dem Terrorismus in die Hände.

Rezension

»Iran will zum Atom-Klub aufschliessen« Ulrich Tilgner warnt vor einem Flächenbrand im Mittleren Osten «Zwischen Krieg und Terror» lautet der Titel des neuen Buchs des Fernsehkorrespondenten Ulrich Tilgner, der seit bald dreissig Jahren zu den prononciertesten Berichterstattern im Nahen und Mittleren Osten gehört. Wie in seinen Fernsehbeiträgen zeigt er in unverblümter Sprache die Zusammenhänge der Konflikte in Afghanistan, dem Irak und Iran auf, mit Seitenblicken auf Palästina und Libanon. Er zeichnet ein detailliertes Bild eines Konfliktgeflechts, das durch strukturelle Fehler geknüpft worden sei, vorab durch das Auftreten der USA und die Unfähigkeit von deren Präsidenten zur nuancierten Betrachtung einer ihnen fremden Welt.

Die Geister aus der Flasche gelassen

Nach Tilgner haben die USA mit ihrem «Krieg gegen den Terror» jene Kräfte erst richtig geweckt, die sie eigentlich aus dieser Welt verbannen wollten. Es seien keineswegs nur terroristische Zirkel, die sich von der Weltmacht angegriffen fühlten, sondern auch Menschen, die sich dagegen wehrten, vom Westen vereinnahmt zu werden. Das Scheitern westlicher Politik insgesamt spiele dem Terrorismus in die Hände. Konflikte mit militärischen Mitteln lösen zu wollen, sei in dieser Weltgegend grundsätzlich falsch, schreibt der Autor. Ob der Westen diesen Holzweg verlasse, werde sich am Vorgehen gegenüber Iran zeigen. Die Atomkrise mit Iran sei die eigentliche Nagelprobe für den Westen. Tilgner ist einer der wenigen westlichen Korrespondenten, die in Teheran leben und arbeiten dürfen, und seine Kapitel über Iran sind die bemerkenswertesten seines Buches.

Atomwaffen gekauft?

Dank seiner Ortskundigkeit und seinen Beziehungen kommt Tilgner zu vertraulichen Informationen und seltenen schriftlichen Belegen. Eine Information zur atomaren Bewaffnung ist so brisant, dass er sie in einem Satz mitten in einem Abschnitt beinahe versteckt: «In Russland und auch in den nach dem Zerfall der Sowjetunion entstandenen zentralasiatischen Republiken sind für die Bombenproduktion wichtige Elemente und auch Sprengköpfe, Granaten und komplette Bomben gekauft worden.» Offenbar hatte Iran gegen Ende des Kriegs mit dem Irak aber nicht die Fähigkeit gehabt, selber nach diesen Mustern eigene Atomwaffen nachzubauen, wie das wohl vor allem die Revolutionswächter forderten. Tilgner zitiert aus einem Brief von Revolutionsführer Khomeiny an iranische Spitzenpolitiker: «Wenn wir stark genug wären und über eine grosse Menge Laser- und Atomwaffen verfügen würden, die für einen Krieg derzeit notwendig sind, könnten wir eine Angriffsaktion durchführen.» Kurz nach dieser Einsicht willigte Iran in einen Waffenstillstand mit dem Irak Saddam Husseins ein. Während Tilgner also für die Zeit des irakisch-iranischen Kriegs Bemühungen Teherans ortet, eine Atombombe zu entwickeln, findet er für die Gegenwart keine solchen Belege. Die offenen und versteckten Teile des iranischen Atomprogramms deuteten aber darauf hin, dass die Islamische Republik seit Jahren systematisch auf die Schwellenfähigkeit zur Produktion von Atomwaffen hinarbeite. «Iran will nicht nur einer der führenden Rohstofflieferanten weltweit und wirtschaftlich das stärkste Land der Golfregion werden, sondern auch – zumindest indirekt – zum Klub der Atommächte aufschliessen.» Aus einer Position der Stärke solle die internationale Isolierung durchbrochen und die weltweite Anerkennung erzwungen werden.

Beschränkter Luftkrieg eine Illusion

Ausführlich warnt Tilgner vor den Folgen eines Militärschlags gegen Iran durch die USA oder Israel. Selbst wenn diese sich bloss auf einen Luftkrieg beschränken würden, sei ein Flächenbrand unausweichlich. Schiiten und Sunniten würden sich zusammenschliessen. Iran würde die im Irak und den Golfemiraten liegenden amerikanischen Basen angreifen, die Strasse von Hormuz blockieren sowie weltweit mit Terroraktionen gegen westliche Einrichtungen vorgehen. Das Fiasko der westlichen Politik gegenüber den islamischen Regimen biete aber auch die Chance zu einer Aufgabe der kriegerischen Mittel zugunsten des Dialogs. Tilgner plädiert für ein historisches Umdenken, für einen Primat der Politik und des Völkerrechts, wodurch der Zusammenprall der Kulturen zugunsten eines Dialogs der Kulturen doch noch vermieden werden könne.

© 2006 Neue Zürcher Zeitung
Samstag, 23.12.2006 / 11

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